Vollleder am Vilsalpsee

Tölzer Land: Se(h)en als Quelle der Inspiration

24. Juli 2019 Kommentare (0) Allgemein, Sommer, Sommer-Tipps

Lässiger geht’s nicht: Ein Portrait vom Ammersee

Ein wenig kleiner, ein bisschen unbekannter als sein großer Bruder, der mondäne Starnberger See, ist der westlich gelegene Ammersee. Dem entspannten Lebensgefühl von Anwohnern und Urlaubern tut das keinen Abbruch. Zwischen Utting und Dießen am Westufer und Herrsching im Südosten herrscht Einigkeit: Lässiger lässt es sich kaum leben. Besonders im Sommer, wenn der Tag mit einem Kopfsprung vom Sprungturm beginnt und mit einem Sundowner am Strand endet.

Durch das geöffnete Schlafzimmerfenster tönt heiser und langgezogen das Tuten des Schaufelraddampfers, der am Landungssteg in Herrsching ablegt. Wen hält es nach diesem Weckruf aus der Ferne noch in den Federn? Die wenigsten, dem lebendigen Treiben nach zu urteilen, das schon früh am Morgen an Deutschlands vielleicht längster Seepromenade herrscht. Die Menschen zieht’s ans Wasser, egal, ob zum „Sonnengruß“ auf dem Steg, zum Kraulen unter der kräftiger werdenden Sonne oder zum Frühstückspicknick auf den Uferwiesen. Die Kellner in den Eisdielen und Restaurants rücken noch die Tische zurecht. Joachim Nibbe brüht im Bootshaus-Kiosk seines mit Rosenbüschen bepflanzten Minigolfplatzes den ersten Kaffee auf. Und der im Sommer ausschließlich mit Shorts und Schlappen bekleidete Elektrobootverleiher Goro bezieht auf seinem Barhocker Position. Die ersten Urlauber haben da schon längst ihre Handtücher und Sonnenschirme für einen relaxten Tag am See platziert.

Wer hier am südwestlich von München gelegenen See, dem drittgrößten in Bayern, wohnt und arbeitet, wird nach der frühen Stippvisite am Wasser indes wieder in seine Flip-Flops schlüpfen, sich aufs Radl schwingen und die nächsten Stunden an Schreibtisch, Verkaufstresen oder an der Werkbank verbringen. Auch im Herrschinger „Institut für Form und Farbe“ wird jetzt fleißig gearbeitet. (Innen-)Architekten, Illustratoren, Grafiker, Fotografen und Künstler sind hier kreativ. „Ganz sicher färbt die Schönheit der Natur auf die Arbeit ab, die Umgebung inspiriert“, sagt Gesine Dorschner, Mitbegründerin des Co-Working-Spaces. „Ich habe lange Wanderjahre verbracht, war in Kanada, Holland, Frankreich. Und es gibt auf der Welt durchaus noch andere schöne Plätze“, sagt die 45-jährige Diplomdesignerin. „Aber diese Region hier mit ihren Seen, das ist meine Heimat, hier hat es mich wieder hingezogen zum Leben und Arbeiten.“

 Schlemmen am Mittag

Spätestens der Hunger bringt Urlauber und Einheimische gegen Mittag wieder zusammen. Dicht an dicht stehen sie in „Matos Fischladen“ neben Goros Bootsverleih, um sich mit einer mit Seelachs, Krabben oder Wels, Sprossen und Honig-Senf-Sauce garnierten Fischsemmel auf die sonnige Terrasse zu setzen. Ein Gläschen Wein dazu, das leise Geplätscher des Sees im Ohr, die Sicht auf Wasser und Berge. „Mehr Entspannung geht eigentlich nicht“, findet Mato. „Na klar, wird’s auch schon mal stressig zu Stoßzeiten, aber ein netter Spruch für die Kundschaft ist immer drin“, sagt der 46-jährige Westfale, der vor der Eröffnung seines vom Feinschmecker ausgezeichneten Fischladens als Kameramann und Weltenbummler unterwegs war. Als beinah noch größere Auszeichnung empfindet es der zugereiste Fisch-Gourmet aber, dass auch das Personal der Seenschifffahrt den kurzen Anlegestopp nutzt und sich eine „Semmel to go“ holt.

Auch Helmut Diller, seit 28 Jahren Ammersee-Kapitän, zählt zu Matos Kundschaft. Bis zu acht Stunden verbringt der 57-Jährige täglich auf dem Wasser und liebt den See in (fast) jeder Sekunde. „Nur wenn zu viele Segler, Surfer, Schwimmer oder Stand Up Paddler draußen sind, kommt Stress auf“, sagt Diller. An diesem strahlenden Vormittag durchmisst der freundliche Kapitän indes herrlich entspannt auf der „Augsburg“ den glänzenden See, von Stegen im Norden bis Herrsching im Südosten. Die schönsten Momente erlebt der gelernte Schlosser, der sich nach drei Jahrzehnten bei der Bayerischen Seenschifffahrt keinen anderen Arbeitsplatz mehr als die Führerhäuschen der Ammersee-Flotte vorstellen kann, meist in der Früh: „Wenn es nur so kleine Löcher im Nebel gibt, wie neulich, als nichts außer dem Kirchturm von Dießen zu sehen war. Oder wenn die Sonne ganz herauskommt und die Bergspitzen von oben nach unten immer heller werden…“

Ins Schwärmen geraten auch Dillers Passagiere während der Überfahrt. Sobald die „Augsburg“ die Herrschinger Bucht verlässt, weitet sich der Blick, wandert übers Wasser und geht bis zur Zugspitze am Horizont. Über 15 Kilometer lang ist der See, der wie alle großen Gewässer der Region StarnbergAmmersee durch das Abschmelzen des Loisachgletschers entstanden ist. Auch in Utting, der Seegemeinde mit dem höchsten Sprungturm, lässt der Kapitän Gäste an Land gehen. Wer den Mut zum Zehn-Meter-Jump aufgebracht hat – und natürlich auch alle anderen Schiffsreisenden – sollten sich hier am Westufer belohnen, zum Beispiel mit einem Besuch des prächtigen Biergartens der „Alten Villa“. Die im Andrea-Palladio-Landhausstil erbaute Villa diente in den 1930er Jahren einem Textilgroßhändler als Landsitz, später den amerikanischen Besatzern als Hauptquartier. Heute ist sie Treffpunkt für Einheimische und Gäste, die eine knusprige Ammerseerenke ebenso zu schätzen wissen wie ein kühles Bier. Kleiner Tipp: An Sonn- und Feiertagen gibt’s zum Frühschoppen unter den uralten Kastanien Dixie- und Blasmusik.

Chillen am Abend

Vor der „Bayrischen Brandung“ in Herrsching, wo Diller um 19.10 Uhr zum letzten Mal an diesem Tag anlegt, ist es stattdessen das Gitarrenspiel eines Hobbymusikers, das die friedliche Abendstimmung auf der Promenade untermalt. Die Menschen, die hier die Beine vom Ufermäuerchen baumeln lassen, auf dem Steg lümmeln oder im Kies hocken, sind ein bunt gemischter Haufen: Einheimische, die den Feierabend zelebrieren, Besucher vom anderen Ufer, die mit kleinen Segelboten zum Sonnenuntergang extra ans Ostufer schippern, sowie verwunderte Urlauber, die einen dermaßen unprätentiösen Kiosk wie die Brandung eher auf Bali als in Bayern verorten würden.

Ob Aperol Spritz, die regionale Biovariante Mondino, ein Bierchen oder die berüchtigte Strawberry Colada – all dies wird auf den zwölf Quadratmetern des winzigen Kiosks mit viel Liebe zubereitet. Nur Plastikstrohhalme gibt’s keine. Der Umwelt zuliebe. Was angesichts der strahlenden Schönheit, mit der sie sich an den Ammersee-Sommerabenden präsentiert, wirklich jeder versteht. Gebaut hat das Holzhäuschen mit dem Schindeldach vor 35 Jahren übrigens Goro, der ein paar Meter weiter nach einem langen, lässigen Tag noch immer (in Shorts und Schlappen) auf dem Barhocker sitzt und seine weiß-roten Retro-Bötchen an die Romantischsten unter den Flaneuren verleiht.

Weitere Infos:

Tourist Information Starnberg, Hauptstraße 1, 82319 Starnberg, Tel. 08151/90 600, www.starnbergammersee.de

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